Camino de la Costa 13: Von Santoñia nach Güemes (23 km)

19. September 2018. Hinter den Knastmauern wartet der Peach at the Beach. In der Stille treffe ich auf einen sehr alten Bekannten. Last but not least: Ernesto!

Natürlich waren meine Erwartungen bezüglich der Qualität des Inklusivfrühstücks in der Herberge von Santoñia so weit heruntergeschraubt wie ein Helikopter mit totalem Triebwerkschaden.  Der Mikrowellen-Kaffee und ein paar herumliegende Kekse waren wirklich nicht geeignet, diesem berechtigten Pessimismus Hohn zu sprechen.

Es geht nach oben
Es geht nach oben

Die im Raum befindlichen Pilgerinnen waren auch nicht besonders zur Aufhellung der Stimmung erkoren. Dabei  beispielsweise eine muffelige junge und tätowierte Italienerin, die häufig einen Benito-Mussolini-Gesichtsausdruck zu zeigen pflegte. Auch an den folgenden Tagen, wenn wir ihr erneut begegneten.

Schließlich stand heute die Verabschiedung von Stijn an, ich sprach dem niederländischen Marathon-Mann meine herzliche Einladung zum kommenden Gutenberg-Marathon nach Mainz aus.

Vasek und ich gehörten natürlich zu den letzten, die aufbrachen, Stijn hatten wir einen Vorsprung geben wollen und so war er schon lange weg.

Durch die morgendliche Dämmerung suchten wir in Santoñia unseren Weg und gingen vorbei am Gefängnis in Berria. Trotz angestrengter Beobachtung sahen wir keine unrasierten Schufte und Halunken in gestreifter Kleidung über die langgestreckte Mauer klimmen, die unseren eintönigen Weg über lange Minuten etwas bereichert hätten.

Wir kamen zu einem extrem steilen Aufstieg am Strand von Berria, es war schon fast ein Dejà-Vu vom Teufelsauge. Vasek konnte sich daher eine kleine Retourkutsche nicht verkneifen, denn am Vortag hatte ich noch behauptet, dass es Kletterstellen nur auf den inoffiziellen Wegen geben würde. Oben angekommen mussten wir uns durch ein Grüppchen gutgelaunter deutscher Mädels kämpfen, die wir später in der Herberge wieder trafen.

Strand von Berria
Strand von Berria

Am Strand von Noja machten wir wenig später eine “Peach at the Beach”-Pause, mehr oder weniger gelangweilt beäugt von zwei Mitarbeitern der spanischen Umweltbehörde, die den Strand inspizierten. Doch auch ohne sie hielten wir uns stets an die alte Hiker-Regel “Take nothing but photos and leave nothing but footprints.” Für die Fotos war es an diesem Tag reichlich diesig.

Der Strand von Noja
Der Strand von Noja

Hinter dem Strand hätten wir uns den ausgiebigen Diskussionen einer weiteren deutschen Gruppe über den richtigen Weg – es stritt die Buch- mit der Smartphone-Fraktion – anschließen können, fanden aber ein paar Meter später wieder einen gelben Pfeil. Wir nahmen entgegen der Empfehlung des gelben Buches die offizielle Süd-Route über Castillo und San Miguel de Meruelo nach Bareyo.

Wir erreichen San Miguel
Wir erreichen San Miguel

Im weiteren Verlauf trafen wir immer wieder auf Pilgerer, die uns oder wir sie überholten. Hier sahen wir zum ersten Mal Verena, die fast wie die Loreley statt auf ihrem Felsen auf einer Bank an einem Spielplatz am Camino saß. Und statt ihre blonden Haare unter Ihrem Hut hervorzuholen und zu kämmen, knetete sie bloß ihre bloßen Füße. So konnte sie uns alles in allem nicht vom rechten Wege abbringen, zumal sie uns sagte, dass alles in Ordnung sei. Am Ende des Tages trafen wir sie und fast alle anderen unterwegs in Güemes wieder. Verena war dabei immer leicht schon von weitem zu entdecken, da sie zwei naturbelassene Knüppel unterschiedlicher Dicke als Pilger-Stäbe verwendete.

Güemes liegt schon im Hinterland
Güemes liegt schon im Hinterland

Diese Etappe war recht ländlich geprägt, wir wanderten im Wesentlichen durch Felder und kleine Ortschaften, was uns wenig an spektakulären Panoramen und Ereignissen bot. Vielmehr war es eher ein Tag der Beschaulichkeit, der erst in seiner zweiten Hälfte mit seinen Highlights aufwartete.

So waren wir schon eine ganze Zeit mit kurzen Frucht- und Wassergenuss-Pausen unterwegs, als uns ein zünftiger Pilgerdurst halb illegal in eine Campingplatz-Cafeteria hinein drängte und wir ein Radler (ich) und ein Bier (Vasek) zischen konnten. Im Hintergrund dudelte deutlich zu laute Popmusik, die anscheinend den anderen beiden Gästen, einem turtelndem Pärchen, besser als uns gefiel. So machten wir uns schnell wieder auf den Weg.

Dort hielt ich immer mal wieder Ausschau nach Gebäuden und Landschaften, die ich in den Youtube Videoblogs von TreatOfFreedom und anderen Kanälen gesehen zu haben glaubte. So grübelte ich über ein interessantes Haus mit einem markanten Türmchen nach. Aber sicher war ich mir nie und gab irgendwann auf. Irgendwie war es ja auch mein Camino im Hier und Jetzt und keine Wiederholung von Videos aus meiner Vorbereitungsphase.

Also im wahrsten Sinne aufgeschlossen für den eigenen Weg kamen wir in der Ermita südlich von Güemes an und genossen die Ausstellung der Pilger-Impressionen, die dort ausgestellt waren. Es handelte sich um Fotos und gezeichnete Bilder aus den Gästebüchern von Güemes.

Der unscheinbare Eingang der Ermita
Der unscheinbare Eingang der Ermita

Wir blieben dort eine ganze Weile und tranken von dem Wasserkrug, der direkt am Eingang abgestellt war und dessen Inhalt durstige Pilgerkehlen befeuchten sollte. Nachdem wir die Exponate mehr oder weniger intensiv betrachtet hatten, setzten wir uns auf die Bank an der Wand der Ermita. Nach wenigen Augenblicken nickte Vasek ein.

Innen in der Ermita
Innen in der Ermita

Wir saßen also direkt am Eingang und ich hörte von draußen das Singen der Vögel und das weniger schöne Geräusch eine Kettensäge. Doch dann trat auf einmal ein Moment absoluter Stille ein. Meine Stimmung aus diesen wenigen Minuten kann ich nicht beschreiben, ich fühlte mich wirklich Gott sehr nahe und vergoß ein paar Tränen, ohne wirklich traurig oder gerührt zu sein. Einfach, weil es so unbeschreiblich besonders war.

In der Zeit danach dachte ich über meinen anstehenden runden Geburtstag nach und was er für mich bedeutete. Es begann der Gedanke in mir zu reifen, dass es sich zunächst einmal nur um eine Zahl handelte und es nicht unwesentlich von mir abhängt, wie alt ich in den vielen unterschiedlichen Aspekten des Lebens bin.

Vasek hatte von dem wohl nichts mitbekommen, als er nach kurzer Zeit wieder aufwachte, ging es weiter. Es folgte ein sanfter, aber längerer Anstieg zur Albuerge del Abuete Pento von Pater Ernesto – ich hatte große Vorfreude!

Kaum zu verfehlen ...
Kaum zu verfehlen …

Bei einer derart guten Ausschilderung hätte die Herberge auch ein Blinder mit Krückstock gefunden, wie mein früherer Englisch-Lehrer zu sagen pflegte. Wir wurden von einem Helfer im Peru-T-Shirt und langem Zopf empfangen. Er war ein freiwilliger Helfer, dessen Dienst kurz vor dem Ende stand. Wir bekamen Wasser und konnten uns registrieren, was draußen vor dem Haus geschah und wegen des hohen Andrangs relativ lange dauerte. Am Ende waren 96 Pilgerer registriert, die eigentliche Kapazität der Herberge liegt dagegen bei 70 Personen.

Ich konnte mir die Wartezeit in einem Gespräch mit einem jungen Pilgerer verkürzen. Er war Informatik-Student und wir kamen auf das Thema Scrum, eines der agilen Vorgehensmodelle nicht nur für Software-Entwicklung zu sprechen. Als zertifizierter Scrummaster konnte ich da mal aus dem Nähkästchen plaudern.

Ein Hospitalero führte uns als Grüppchen zu einem großen Schlafsaal, der schon gut belegt war. Vasek und ich hielten uns vornehm zurück und bekamen keinen Platz in dem schon gut befüllten Raum. Wir wurden so zu einem kleinen 4-er Chalet begleitet mit einer eigenen Toilette mit Waschbecken

Ein gemütliches Chalet für vier Pilgerer
Ein gemütliches Chalet für vier Pilgerer mit Vaseks neuen blauen Sneakern

Neben uns waren dort ein müder Franzose und später noch ein alter Holländer mit erheblichen Fußproblemen. Als wir uns in dem Raum einrichteten hörte ich merkwürdige hornartige Signale und dachte an einen verfrühten Essensappell, aber es war das Brüllen eines Esels auf dem Gelände.

Nach dem Duschen in der Nasszellen-Batterie und der Handwäsche in Blickweite der belagerten Machine besuchte ich schon mal vorab die Reflektions-Jurta und die Bibliothek der Herberge. Dort konnte ich die unzähligen Gästebücher bewundern, die von den Helfern der Herberge über die Jahre abgetippt worden waren. An der Wand hing auch eine riesige Urkunde von König Juan Carlos von Spanien zu Ehren von Pater Ernesto.

Die Bibliothek der Herberge
Die Bibliothek der Herberge mit zahlreichen Gästebüchern

Auf dem Rasen im Garten der Herberge gab es am späten Nachmittag eine Ansprache von Ernesto auf Spanisch mit einer Übersetzung in Englisch und Französisch. Er beschrieb die Geschichte des Hauses, das von Ernestos Großvater gebaut wurde. Während des Bürgerkriegs wurde die Familie von dem Haus vertrieben und lebte in Katalonien. Später kamen sie zurück und bauten das Haus als Herberge aus. Es gehört allerdings nicht Ernesto, sondern ist über eine Stiftung den Pilgerern des Camino gewidmet.

Vortrag von Pater Ernesto
Vortrag von Pater Ernesto

Kurz danach konnten wir an langen Bänken Platz nehmen und es wurde innen und außen ein gemeinsames Abendessen gefeiert. Dazu gab es einen wirklich leckeren Rotwein. Auch wenn wir so viele waren, so fühlte es sich doch wie ein Familienfest an.

Nach dem Essen gab es einen Vortrag in der Jurta über den Camino de la vita:

Camino de la vita

Die Einladung, in das Gästebuch zu schreiben nahm ich an und malte in Erinnerung an die Ermita ein tränendes Auge, das aber weit geöffnet und strahlend war, in das Buch und berichtete in einem kurzen Text von meinem Erlebnis.

Die Füße, die Hände, die Augen
Die Füße, die Hände, die Augen … Unser ganzes Sein bringt uns zum Horizont

Ab ins Bett und trotz eines beschädigten Lattenrosts konnte ich über 8 Stunden schlafen. Dabei hatte ich von einem Unfall mit einem Moped geträumt. Umso rätselhafter, weil ich gar keinen Führerschein für so etwas habe.

Fazit: Begegnung mit Gott in aller Stille

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