Camino de la Costa 21: Zurück von Nueva nach Mainz

27. September 2018: Wir genießen die Rückreise in halbvollen Zügen, müssen im Dunkeln nachpilgern und erleben schockierende Momente auf dem Parkplatz.

 

Straße in Nueva
Eine schnuckelige Gasse in Nueva

Der letzte Café con Leche

An diesem Tag stand also die Rückreise in die Heimat an. Die kleinen Untermieter in meinem ursprünglich ausgewählten Bett waren glücklicherweise nicht in meinen Schlafsack gekommen, so überstand ich dieses ohne besondere Blessuren oder Juckreiz. Stattdessen schien die Sonne verlockend durch die billigen Gardinen und lockte uns weiter auf den Camino.

Da unser Zug aber erst deutlich später kommen sollte ließen wir es langsam angehen und gaben uns morgens mal wieder Zeit. Zunächst schlenderten wir ein wenig durch Nueva und ließen uns im Café Misaires einen Café con leche und ein paar leckere Häppchen schmecken. Dazu gab es einen rückdatierte Stempel in den Pilgerpass, den hatten wir nämlich am Vortag total vergessen. Verstohlen blickte ich vom Café aus weiter in Richtung des Camino, aber es half nichts, hier sollte unsere Reise erst einmal zu Ende gehen.

Entspannt die Zeit vertrödelnd trafen wir noch einmal auf Uwe, Matthias und Friderike, die ebenfalls in Nueva übernachtet hatten und sich nun auf die Wandersocken weiter in Richtung Santiago machten. Wir blickten den drei Braunschweigern noch sehnsüchtig hinterher, als sie weiterzogen. Dann ging es weiter und betont langsam zum Bahnhof, in dem wir noch kurz vor Ankunft des Zuges die Tickets für die Bahn in Richtung Santander kaufen konnten.

Der Bahnhof von Nueva
Der Bahnhof von Nueva

Der Camino fliegt vorbei

Mit der putzigen kleinen Fefe-Bahn mit flackernden Displays fuhren wir bis nach Llanes, um dort in einen weiteren Zug nach Santander umzusteigen. Beim zweiten Zug war die Klimaanlage ausgefallen, ich genoss aber die warme Temperatur, denn mir war irgendwie unwohl und kalt. Auch hier galt erneut, der Camino versorgt, auch wenn man sich von ihm entfernt.

In Santander gönnten wir uns am Bahnhof ein 2-Gang-Menü zu einem relativ günstigen Preis. Es war schon ungewohnt, wieder mitten in einer quirligen Stadt zu sein, umfangen vom Lärm der vielen Fahrzeuge. Um die verbliebene Zeit bis zur Abfahrt des ALSA-Busses zu nutzen, spazierten wir zum Hafen und zum Cervantes-Denkmal direkt am Camino. Hier trafen wir zwar keine Pilger, aber eine Hospitalera auf Pilgerfang. Sie zeigte uns ein Selfie mit Ernesto und gab uns ein Kärtchen mit der Adresse ihrer Herberge.

Zurück am Busbahnhof holten wir uns in einer grell erleuchteten unterirdischen Bar neben den Bussteigen noch einen Nestea und dann machten wir im Bus einen auf Lümmel von der letzten Reihe.

Im Bus fliegt der Camino an uns vorbei
Im Bus fliegt der Camino an uns vorbei

Wie auch schon im Zug flogen nun die Orte an uns vorbei, die wir uns in den Tagen zuvor so mühsam erlaufen hatten. Mehr als eine Erinnerung flackerte kurz auf und ich schaute mir ein wenig die Augen aus dem Kopf, immer wieder auf der Suche nach gelben Pfeilen oder Muschelzeichen. Irgendwie fühlte es sich wie eine Entwertung unserer wochenlangen Laufleistung auf dem Pilgerweg an, es war einfach zu schnell.

Auf dem Platz neben mir saß ein Mann, der die ganze Fahrt über in einem Meeting für die Eishockey-EM eingebunden war. Mich erstaunte die tolle Performance der Präsentation und dass es keine Verbindungsabbrüche gab, obwohl der Bus auch durch relativ abgelegene Gegenden mit schroffen Bergen fuhr. Kein Vergleich zu den Möglichkeiten, die die Telekom auf der Bahnstrecke zwischen Wiesbaden und Frankfurt bot und bietet.

Nachpilgern im Dunkeln

Fahrplanmäßig kamen wir bei einsetzender Dunkelheit in Irun an und konnten endlich wieder unsere Rucksäcke tragen. Wir stapften an der Herberge von Irun vorbei, in der wir unsere erste Nacht verbracht hatten. Just als wir dort ankamen, drehte ein Motorradfahrer gehörig im Kreisverkehr auf. Von einer ruhigen Lage konnte auch an diesem Tag  keine Rede sein.

Nun mussten wir das vor drei Wochen mit dem Auto zurück gelegte Stück Camino zwischen Irun und Horrabia „nachpilgern“. Auf dem Stück sahen wir aber zu so später Stunde keine Pilgerinnen und Pilger mehr, dafür versorgten wir uns noch in einer Tankstelle mit ein paar Mitbringseln. Jetzt schnell zum Auto und dann weiter in Richtung Heimat, dachten wir.

Schockstarre in Horrabia

Den Parkplatz unseres tschechischen Autos fanden wir relativ schnell wieder – aber das Auto war verschwunden! Da stieg dann doch der Adrenalinpegel.

In der Nähe des Parkplatzes lag ein relativ nobel aussehendes Hotel und wir sprachen einen Kellner auf unsere Notlage an. Er sagte uns, dass die Polizei das Auto wahrscheinlich abgeschleppt hätte, weil es wegen einer Veranstaltung auf dem Platz vor gut einer Woche wohl im Weg stand. Er beschrieb uns in gebrochenem Englisch den relativ weiten Weg zur Polizeistation.

Etwas geknickt verließen wir das Hotel und gingen schon ein gewisses Stück, als wir merkten, dass uns eine ältere Dame etwas hastig verfolgte. Wir hielten an und kamen mit ihr ins Gespräch. Sie sagte uns, dass die Polizeistation um diese Zeit schon geschlossen wäre und dass wir mit der Polizei direkt telefonieren müssten. Wir merkten gleich, dass diese sehr freundliche und hilfsbereite Dame sehr viel von Pilgern hielt, so gaben wir uns in ihre helfenden Hände und gingen gemeinsam in die Bar des Hotels, um von dort aus anzurufen. Sie brachte ihre ganze freundliche Resolutheit einer baskischen Großmutter ein, als sie mit den Ordnungshütern sprach und so bequemte man sich dann schließlich am anderen Ende der Leitung, das Auto und den Abstellort auf einer Liste zu finden.

Der Barkeeper setzte uns den Ort des Autos in Google Maps auf Vaseks Smartphone und genau dort fanden wir es auch. Mit zwei frischen Kratzern parkte es ausgerechnet vor einer Lackiererei. Vasek wusste wohl nicht so recht, ob er sich über das gefundene Auto freuen oder ob er sich über die Kratzer ärgern sollte. Ich fühlte mich ebenfalls nicht amüsiert.

Auf großer Fahrt zurück

Uns stand aber noch eine lange Fahrt bevor, die zunächst an der französischen Grenze unterbrochen wurde. Ein erneut schwer bewaffneter Polizist fragte, wer wir seien und wohin wir wollten. Eine Situation, mit der wir schon routiniert umzugehen verstanden. Vasek antwortete in entwaffnender Weise auf Englisch, wir wären Pilger und wollten nach Hause. Die Antwort: „OK, go!“

Es war eine laaaange Fahrt zurück, zunächst wieder durch die Heimat unserer imaginären französischen Bauern Pierre und François, zu denen uns aber keine weiteren Dialoge einfielen. Danach verfranzten wir uns etwas in Bordeaux und gönnten uns zurück auf der Autobahn eine kurze Schlummerpause.

In Mainz kamen wir um die Mittagszeit an und wurden von der Familie und einem leckeren Wok voller Nasigoreng empfangen. Vasek brach kurz danach auf, um weiter nach Śumperk zu seiner Familie zu fahren. Er war schon länger unterwegs, als mir auffiel, dass sein Pilgerstab noch an der Wand neben unserer Haustür lehnte. Ein guter Grund, uns dann eineinhalb Jahre später in Prag für die Rückgabe zu treffen und bei tschechischen Kaltgetränken über unsere Pilgerreise zu schwelgen.

Fazit des Tages: Ähnlich wie beim verzockten Geld der Investmentbankster heißt „weg“ eigentlich nur „woanders“.

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