Camino de la Costa 20: Von Póo nach Nueva (16 km)

Falsch vermuteter letzter Wandertag an meinem 50. Geburtstag. Kühler Sekt in der Morgenfrische, Patrizia Bellavista performt erst im zweiten Anlauf, kein großer Bahnhof für mich als Geburtstagskind und übel saugende Bettgenossinnen.

Morgenstund’ hat Cava im Mund

Dank der intensiven Holzbearbeitung des polnischen Pilgers unter mir und den Schockwellen, die die erratischen Wendungen seines stämmigen Körpers hervorbrachten und die ungehindert durch das Stockbett liefen, war es für mich eine unruhige Nacht. Vasek schlief dagegen wie ein Stein und auch Verena schien davon eher weniger mitzubekommen.

Ich hielt es irgendwann nicht mehr im Bett aus, auf das auch noch die aufgehende Sonne kräftig zu scheinen begonnen hatte und verzog mich auf ein Sofa im Flur. Dort begann ich, mehr aus Langeweile denn aus podologischer Notwendigkeit, einige Reste meiner kantabrischen Blasen in Form von Hautfetzen vorsichtig von den Füßen zu ziehen. Darunter hatte sich solide Pilger-Hornhaut gebildet, die nun ungehindert zum Vorschein kam und um die mich wahrscheinlich auch ein Hobbit wie Bilbo Beutlin bewundert hätte. Zu unser aller Glück gibt es davon allerdings kein Bildmaterial.

In einem kurzen Telefonat holte ich mir die Gratulation der Lieben daheim ab. Patrizia kam, sah und knuddelte mich auch noch mal fest für mein neues Lebensjahr. Dann war die Zeit reif für die Enthauptung der Cava-Flasche auf der Terasse der Herberge für das gemeinsame Frühstück. Beim Sekttrinken gab es zwar herzliche und wortreiche Gratulationen, nicht nur von den Mitpilgern sondern auch vom Hospitalero, aber eine richtige Sektlaune wollte zu dieser Zeit noch nicht aufkommen. Offenbar ist der Schaumwein dann doch nicht das passende Pilgergetränk. Wir knabberten zum Abschluss noch ein paar Kekse und dann stand schon der Aufbruch an.

Morgens westlich von Póo
Morgens westlich von Póo

Gelungener Pilgerabschluss und Meer

Der Camino beschenkte mich mit dem Umstand, dass wir wieder ein relativ schönes Stück laufen konnten. Am Anfang brauchte es noch den Pullover und etwas zusätzliche Willenskraft, denn ich fühlte mich doch etwas angeschlagen. War es dieses „Alter“, von dem alle redeten?

Der Weg ins neue Lenbensjahr war gut vorgezeichnet
Der Weg ins neue Lenbensjahr war in Póo gut vorgezeichnet

Im ersten Café trafen wir viele bekannte Pilger wieder. Es war so, als würde man in seiner (und einzigen) Dorfkneipe sitzen. Monika, Matthias, Uwe, Friderike und zwei Dänen, die wir auch schon oft früher sahen, waren da und unterhielten sich angeregt. Es ist eines der sich sehr schnell offenbarenden Geheimnisse auf dem Camino, wie schnell man mit anderen Pilgern aus den verschiedensten Ecken und Enden der Welt äußerst vertraut wird, um dann doch wieder – vielleicht für immer – auseinander zu gehen. Loszulassen ist eine der Kernlektionen auf dem Weg.

Entlang des Bedón
Entlang des Bedón

Später bei Weiterlaufen trafen wir wieder auf Monika. Sie war etwas auf Abwege geraten, fand dann nach einer Bonusstrecke aber im weiteren Verlauf wieder zu uns auf den Camino zurück. Wir teilten noch ein gutes Stück Wegstrecke und einige Lebenserfahrungen, ihr Tempo war aber deutlich langsamer als unseres und so trennten wir uns dann im Guten von ihr.

Wir liefen durch ein kleines mit noch relativ kleinen Bäumen bewachsenes Waldstück, als plötzlich Patrizia vor uns auftauchte. Doch nix war mit schöner Aussicht, die müden Augen erblickten nur eine schnöde Kuhwiese. Zerknirscht versuchte sie, die schlechte Performance mit Müdigkeit und Schnupfen zu erklären. Wir wirkten massiv auf sie ein, beim nächsten Mal deutlich besser zu liefern, als sie uns bei unserer kurzen Pause überholte.

Koreanisches Cowgirl
Koreanisches Cowgirl

Wenig später fiel uns eine Frau auf, die hingebungsvoll eine ziemlich gewöhnliche spanische Kuh fotografierte. Als wir näher kamen, stellte sie sich uns als Koreanerin vor. Ihr Fotomodell hatte offenbar genug von dem Shooting und wandte sich lieber den saftigen Gräsern Asturiens zu. So machte sich die kleine und gedrungene Asiatin mit ihren Wanderstöcken in einem beachtlichen Tempo auf und zog uns davon. Wir hörten noch einen kleinen Augenblick das metallische Klackern ihrer Stöcke, dann war sie verschwunden.

In der Nähe der Mündung des Bedón
In der Nähe der Mündung des Bedón

Kurze Zeit später trafen wir Patrizia wieder, zusammen mit Verena und dem italienischen Paar, das wir in Buelna kennengelernt hatten. Wir setzten uns ebenfalls auf die Bank mit Blick auf einen sehr schönen Strand an der Mündung des Bedón. So konnten wir für und um Patrizia den flauschig milden Mantel der Vergebung ausbreiten.

Neue Bettgeschichte in Nueva

Villahormes auf dem Weg nahmen wir gar nicht richtig wahr und somit auch nicht ins Visier, auch wenn der gelbe Wanderführer uns die Bars und Einkaufsmöglichkeiten ans Herz legen wollte. Uns stand der Sinn eher danach, die letzten Planungen für die Rückreise am nächsten Tag abzuschließen und die Tickets für Bahn und Bus zu bekommen. Somit beeilten wir uns, nach Nueva zu kommen, weil hier ein von der Fefe-Bahn angesteuerter Bahnhof liegt.

Auf dem Weg zum Bahnhof von Nueva
Auf dem Weg zum Bahnhof von Nueva

Weiter ging es also durch einen schönen Waldweg, bis sich Nueva vor uns im warmen Sonnenlicht ausbreitete. Unsere Pension, die zu dem Hotel San Jorge gehörte, lag direkt am Weg.

"Maibäume" im September in Nueva
“Maibäume” im September in Nueva

Nach dem Einchecken gingen wir gleich zum kleinen Bahnhof von Nueva, der gut als Vorlage für ein Plastikmodell für eine elektrische Eisenbahn von Fleischmann hätte dienen können. Hier konnten wir aber an diesem Tag noch keine Bahntickets kaufen. Dafür klappte das Buchen der ALSA Busverbindung von Santander nach Irun über eine App und Paypal als Bezahlmethode im zweiten Anlauf ganz gut.

Wir liefen ein wenig durch Nueva, einem schnuckeligen Ort Asturiens und gönnten uns in einem gemütlichen Restaurant noch einen leckeren mediterranen Salat. Danach kehrten wir zu der relativ leeren Pension zurück, um in Ruhe den Rest des Tages zu chillen. Wir nahmen fälschlicherweise an, dass sich damit der letzte Wandertag auf dem Camino zu Ende neigte.

Doch die helle Sonne, die auf mein Bett fiel, brachte einige unschöne Dinge in Form kleiner Tierchen an den Tag. Sie zu zerdrücken war ein blutiges Unterfangen. Das Bett war mindestens so verwanzt wie die Wohnung eines DDR-Systemkritikers durch die Stasi am Ende der 80er Jahre. Aber wir hatten neben Vaseks Bett, das wohl nicht befallen war, noch neben meinem bewohnten Bett ein weiteres Stockbett stehen. Ich inspizierte es genauer und breitete dann meinen Schlafsack auf der Tagesdecke aus und schlief so dann in der Nacht, unbehelligt von saugenden Viechern, gut durch.

Fazit des Tages: Ich werde sie alle vermissen – nicht die Bettwanzen, sondern die Peregrinas und Pereginos, denen wir unterwegs begegnet sind.

Kommentar verfassen/ Leave a comment