Camino de la Costa 16: Von Santillana del Mar nach Comillas (22,3 km)

22. September 2018. Wir werden mit Morgengold für unser Trödeln belohnt, erblickten und eratmen endlich wieder die Atlantikküste und leiden durch spätrömische Dekadenz so gar nicht unter den Auswirkungen des Platzmangels in der Strafanstalt.

Morgenzauber in und hinter Santillana del Mar

An diesem Morgen war ich schon früh wach, lauschte auf mich selbst und auf die Geschehnisse rings um unser Zimmer. Vasek schlief noch gut und lange den Schlaf der Gerechten und irgendwann ging ich dann doch mal zum Badezimmer. Bis auf unsere ehemalige Zelle waren alle Türen geöffnet, die Räume atmeten Abwesenheit und das graue Schimmern der Morgendämmerung verbreitete schon kräftig eine abweisende Stimmung zum Aufbruch. Als wir das Convento verließen, war es also so gut wie leer. Dafür begrüßten uns die Strahlen der Morgensonne und tauchten Santillana del Mar in ein goldenes Licht.

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Impressionen aus Santillana del Mar

Bei unserer Reiseplanung am Tag zuvor war uns und André klar, dass sich viele Pilgerer, die in Santillana oder kurz davor übernachtet hatten, nach Comillas orientieren würden, denn danach kam eine weitere Strecke ohne weitere Herbergen. So hatten wir uns schon darauf eingerichtet, später als Plan B auf den Campingplatz gehen zu müssen. Trotzdem wollten wir uns nicht auf die allgemeine Aufbruchshektik einlassen und wurden von der Morgenstimmung in Santillana dafür fürstlich belohnt.

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Schön herausgeputzte Häuser auch am Rand von Santillana

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Die Straßen waren zu dieser Zeit nur sehr schwach bevölkert. Aus der ein oder anderen Pension wagte sich mit uns auch der ein oder andere Pilgerer auf den Weg, es war aber kein Vergleich zu dem Touristen-Trubel, der den Ort wohl am Nachmittag und frühen Abend wieder gefangen genommen haben dürfte.

Mein verbliebener Wanderstock klackerte laut über die altehrwürdigen Pflastersteine und ich wagte einen vorsichtigen Selbstcheck. Die Schmerzen rechts hatten etwas nachgelassen, im Prinzip ging es soweit und ich zelebrierte den Gedanken, dass ich nun das Schlimmste schon hinter mich gebracht hätte. Somit waren die Bedingungen und die Laune ideal für einen guten Pilgertag auf dem Weg zurück zum Atlantik.

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Leicht diesige Morgenstimmung in den Hügeln hinter Santillana del Mar

Leicht wabernde Fetzen von Diesigkeit, die glitzernden Tautropfen auf dem saftigen Grün und der Wiederschein des warmen Sonnenlichts auf den heraustretenden weißen Felsen tauchten die Landschaft an diesem Tag in eine besondere Stimmung. Es sollte uns vielleicht darauf vorbereiten, einen eher beschaulichen Pilgertag zu verleben.

In Oreña gönnten wir uns in einer Bar, in der schon quitschbunt und wurstpellig gewandete Pilgerer der eher sportlichen Art ihren Café con Leche genossen, einen Nestea. Die ersten Anstiege und die aufkommende Wärme als Vorbote der Hitze des Tages hatten wenig Lust auf eine Kaffeespezialität entstehen lassen.

Mir ist heute zum Zeitpunkt des Abfassens dieser Zeilen nicht mehr verständlich, was ich damals an dieser süßen Plörre aus der Schweiz fand. Grundsätzlich ist für mich nicht mehr nachvollziehbar, was andere an stark gezuckerten Getränken finden, die man nur durch die gleichzeitige Gabe mit Eisbergen im Glas zum Herunterkühlen nahe des Gefrierpunktes genießbar machen kann. Manche mögen anscheinend sogar eine Cola Alemana – warm und mit Wespe. (Oder eine Cola Kerkeling – warm mit Fliege 😉 )

Für Vasek und mich hatte sich dieser erste Stopp so gegen zehn Uhr zu einer Art festen Bestandteil unseres Camino etabliert. Danach marschierten wir aber immer wieder munter weiter. Daher nutzten wir in Cobreces noch keine der zahlreichen Herbergen, lediglich sechs Kilometer Marsch wären noch viel zu kurz gewesen.

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Wegweisendes in Concha

In Concha konnten wir an einem Brunnen unsere Wasservorräte ergänzen und trafen auf eine kleine weiße Katze und auf einen großen herumlaufenden Hund. Beide störten sich weder aneinander noch an uns. Auch nicht an drei amerikanischen Pilgerinnen im fortgeschrittenen Alter mit leichtestem Gepäck. Der Ort selbst war wie ausgestorben, man sah eben nur die beiden beschriebenen Haustiere auf der Straße. Beseelt von der Friedfertigkeit der ansonsten ja eher gegensätzlichen Tiere trotteten wir weiter voran.

Der Pilgertag bietet Meer

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Eine einsame und natürlich geschlossene Kapelle auf dem Weg

Im weiteren Verlauf passierte eigentlich nicht viel, was man hier erwähnen könnte. Vasek und ich hielten etwas Abstand, so dass jeder seinen Gedanken nachhängen konnte. Vielleicht ist das die eigentliche Essenz des Pilgerns, dass es auch Zeiten ohne Höhepunkte, ohne herausragende Begebenheiten und Gespräche geben muss. Man geht – lässt die Landschaft an sich vorüber ziehen – freut sich über die nächste Wegmarkierung – geht weiter.

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Vasek stürmt auf das Meer zu

Vielleicht dachte Vasek über sein ungestilltes Bedürnis nach einem guten Pilgerstab nach. In einem wunderschönen lichtdurchfluteten Trog-Tal bot sich endlich die Gelegenheit, aus einem gerade gewachsenen und relativ frisch abgeschnittenen Baum ein perfektes Stück in mühe- und liebevoller Handarbeit mit allerlei Zierrat zu fertigen.

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Die Kinderstube von Vaseks Pilgerstab

Wenn das Gewehr die Braut des Soldaten darstellt, dann muss der Pilgerstab ja zumindest ähnlich von der Bedeutung her angesiedelt werden. Und für anspruchsvolle Pilgerer wie meinen Begleiter ist natürlich die Herkunft und Lage – sozusagen das Terreur – neben dem weiteren Ausbau des Gehölzes durch die fachkundig hegenden Hand des Forstmannes nicht ganz unwichtig.

Ähh – wenn ich so über den Stecken nachdenke – doch. Der Knüppel lag eben einfach da und so nahm Vasek ihn halt mit. Nahezu naturbelassen. Später vergaß er sogar, ihn aus Mainz nach Tschechien mitzunehmen und er wartet bei uns bis heute auf seinen nächsten Besuch.

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Mit kühlendem Bandana auf dem Kopf und zerknautschter Zitronenpresse auf dem Rücken

Ich persönlich haderte auch an diesem Tag wieder bei der Wanderung an kleinen Ortschaften und Kirchlein vorbei mit einem Stück meiner Ausrüstung. In der Hitze war mein Pfadfinderhut eher eine Last. Er kam während der ganzen Zeit nur zwei Mal zum Einsatz, und das auch nur, um ihm wenigstens noch etwas Sinnstiftung zu gönnen. Ansonsten verliehen ihm Hitze, Meeresluft und Feuchtigkeit in Kombination mit nachlässiger Behandlung eine sehr individuelle Form, die ich erst nach der Rückkehr als Ironman mit meinem Bügeleisen eher schlecht als recht ausbügeln konnte.

Vielmehr bot das ehemalige gelbe Pfadfindertuch meiner Tochter, mit kantabrischem Brunnenwasser getränkt, die ausreichende Kühlung für mein schwach behaartes Haupt. Zudem wollte ich damit meine Solidarität mit den politischen Gefangenen aus Katalonien in der schon mehr als einjährigen spanischen Untersuchungshaft ausdrücken, aber anscheinend hatte das bei niemandem irgend einen Effekt erzielt.

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Windstille Hitze an der Küste

Immerhin konnte ich den Tag über einen kühlen Kopf bewahren, sogar als die Brandung des Atlantiks entdlich wieder vor uns herumrauschte. Wir waren in Comillas, unserem Tagesziel angekommen.

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Der Autor auf den letzten Metern vor Comillas

Kein Platz im ehemaligen Knast

In diesem vom Tourismus geprägten Städtchen trafen wir am Ortseingang auf zwei telefonierende französische Mädels. Wir hatten sie schon in Benzana gesehen, als sie nach uns in der Herberge auftauchten und noch ihr Zelt im Garten aufschlagen durften. Vasek stürmte aber mit seinem neuen Stab voran, daher konnte ich die beiden nicht in meinem, mit großen Lücken versehenen Schulfranzösisch nach der Herberge fragen.

Wir erklommen weiter zur einzigen Herberge des Ortes “La Pena”, dem ehemaligen Gefängnis. Natürlich war es schon belegt, obwohl wir kurz nach der Öffnungszeit da waren. Von André leider keine Spur. Wir schritten somit zu Plan B über und zum Campingplatz zurück.

Mit großem Nachdruck aber ohne Erfolg versuchten wir die junge Frau am Empfang zum Pilgern zu überzeugen. Sie gab als Entschuldigung an, zwei Kinder zu haben. Vasek und ich heuchelten schließlich als praktizierende Familienväter Verständnis und zogen gut bedient davon.

Wir bauten möglichst nahe am Meer das Tarp auf, duschten, wuschen und gingen erneut zur Herberge, nachdem wir im Büro des Campingplatzes gemäß der Öffnungszeit nach 18:00 Uhr unseren Beitrag bezahlt und Stempel erhalten hatten. Von André war am und im Ex-Knast wieder nichts zu sehen, es gab auch keine sachdienlichen Hinweise auf seinen Verbleib, dafür aber über einen geöffneten Supermarkt. Mit einem Seitenblick auf die Italienerin mit der Mussolini-Fleppe, die sich mit einer Freundin sonnte, machten wir uns auf die Suche.

Der Supermarkt war schwer zu finden und ein Eiscafé trachtete danach, mich vom Weg abzulenken. Aus dem Augenwinkel sah ich Verena, die mit Stöckern und Hut in ein Auto stieg und in südlicher Richtung davon gefahren wurde. Letzten Endes fanden wir das Gesuchte und man bot uns Baguettes, Käse, Wurst und Vino tinto der Region.

Das Tarp steht für die Nacht bereit
Prachtvoll geschmückt steht das Tarp für die Nacht bereit.

Das verschnabulierten wir alles, neben dem Tarp zu nicht vorhandenem Tische liegend, auf gar römisch-dekadente Art und krochen nicht viel später kurz nach Einbruch der Dunkelheit müde in die Schlafsäcke. Eingelullt vom Rauschen der Brandung fielen wir in tiefen Schlummer. Noch nicht wissend, dass uns am nächsten Tage eine Invasion knatternder Briten bevorstehen sollte.

Fazit des Tages: Mit Plan B ist ein 1A Ergebnis möglich.

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  1. Franz Eckl sagt:

    Wieder ein schöner Beitrag, ich freue mich schon auf die nächsten. Die kleine Kapelle allein in der Landschaft ist übrigens die Iglesia San Bartolomé, 11. Jhdt.

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