Camino de la Costa 15: Von Boo de Pielagos nach Santillana del Mar (22 km)

21. September 2018. Spanische Lokführer sind pfiffige Gesellen, Vasek hat keine Kuh-Tipps, fester irischer Schaum sorgt für weichen Tritt und ein unbestimmbarer Wechsel der Unterwäsche.

Zwei Herausforderungen gleich am Anfang

Wenn man als Pilgerer von Boo de Pielagos weiter nach Westen in Richtung Santiago de Campostella zieht, dann steht man unweigerlich vor einer entscheidenden Frage. Soll man einen legalen Umweg weiter südlich nach Oruña laufen oder tut man das, was bereits vielen Pilgerern zuvor auch in den Sinn kam –  den Fluß Pas schon relativ schnell über die Eisenbahnbrücke zu überqueren. Das letzteres nicht allzu selten vorkommt, darauf wiesen uns schon die gelben Pfeile in Richtung der Brücke hin.

So waren wir auch gleich auf Abwegen und überquerten den Fluß über die eigentlich verbotene Möglichkeit auf rostigem Stahl. Die Lokführer, die uns in der Nähe der Schienen vor und nach dem erfolgreichen Übertritt sahen, pfiffen uns keck eins zum Gruße.

Doch schon wenig später waren wir einer weiteren Barriere gegenübergestellt. Eine Kuh stand quer auf unserem Weg und schaute uns mit einem Höchstmaß an Lässigkeit in entspannter Erwartung an. Vasek hatte in dieser herausfordernden Situation leider keine passenden Kuh-Tipps parat. So nahm ich die Challenge als Kuhflüsterer an und konnte das träge Stück Hornvieh dazu bewegen, auf die Seite zu gehen. Dies tat sie ebenfalls mit einer betonten Behäbigkeit, es war wie eine Corrida de vaca auf Valium.

Pilgern als leidvolle Erfahrung

Es war trotz der guten Vorbereitung meiner Füße ein schmerzvoller Tag. Links soweit OK, rechts “Oh weh” – Schmerz bei bei jedem Schritt. Mittlerweile war mir klar, dass das Problem durch meine Hiking-Sandalen ausgelöst wurde. Diese hatten eine Erhöhung zwischen Zehen und vorderem Ballen im Fußbett, gegen das mein Fußballen beim Abstieg immer wieder gegenstieß und dort größere Blasen bekam So musste ich wieder auf die Boots zurückwechseln und darauf achten, einigermaßen glatten Untergrund zu treffen.

Im Prinzip wandelte ich das Herausatmen der Schmerzen, eine Technik ich noch aus meiner aktiven Zeit als Ninja kannte, in eine Art Heraustreten der Pein mit jedem Schritt um.

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Auf dem Weg nach Carablas blühen uns nicht nur Fußschmerzen

So richtig und endgültig erfolgreich war das nicht. Erschwerend kam hinzu, dass ab Carablas quasi die Meseta des Camino de la Costa begann, nämlich 4,7 km an einer tristen Pipeline entlang durch ein Industriegebiet zu laufen. Nicht schön. Durch die viele Industrie in Barreda war es insgesamt keine schöne Etappe mit vielen Straßen-Kilometern. Aber die glatte Wegoberfläche half bei meinen Fußproblemen und war eigentlich auch der Wendepunkt. Danach ging es die nächsten Tage besser.

Fester Schaum für weichen Auftritt

In Queveda erblickten meine trüben Augen, auch durch den linken Fuß gesteuert, zwei magische Worte: Paulaner und Guiness. Hinein ins Vergnügen einer dunklen Hotelbar mit toller Soulmusik! Für 13:00 Uhr an einem Freitag waren schon reichlich Gäste anwesend, die auch schon gut und reichlich dem breiten Angebot an Erfrischungsgetränken zusprachen.

Leckerchen auf dem Tisch
Leckerer Latte Macchiato auf Irisch

Wir integrierten uns in die fröhliche Schar der Anwesenden und orderten uns zwei große Gläser mit der goldenen Harfe. Jeweils zwei getrunkene Pints des gerade eben nicht überschäumenden Vergnügens später liefen wir auf dem dann doch irgendwie stärker mäandernden Camino weiter – wie auf luftig-watteweichen Wolken – an der Versuchung in Form der Albuerge von Quevada vorbei.

Ein Blick zurück in Wonne
Ein Blick zurück in Wonne

Erfolgreiche Suche nach einer Herberge in Santillana del Mar

In dem einsetzenden leichten Nieselregen in Santillana del Mar fanden wir die Herberge zunächst nicht und bogen rechts in die Stadt ab, anstatt einfach 20 m weiter zu laufen. Wir trafen ein Pärchen aus Würzburg, Linda und Sascha, die uns unauffällig zum Convento folgen ließen. Wieder eine tolle Herberge, wie sie nicht in meinem gelben Buche stand.

Nach der bekannten Berechnungsformel – ein Pilgerer braucht nur den halben Platz eines Mönchs – wurden Vasek und ich in eine Zelle des ehemaligen Konvents eingewiesen, doch zuvor auch schon in die gesamten Einrichtungen des großen Hauses mit einem schönen Innenhof und einer sehr gemütlichen Terasse. Allein aus dem Waschraum hätte man noch eine weitere Herberge bauen können.

Beim Duschen war Vasek etwas schneller als ich und plötzlich hörte ich, wie er hoch erfreut mit einer anderen Person sprach. Nur mit meinem kleinen Funktionshandtuch umwundenen Lenden trat ich hinzu und freute mich ebenfalls, hier auf André zu treffen, den wir seit dem Frühstück in Ulia nicht mehr gesehen hatte. Ein wenig später hatte ich mit ihm und den Würzburgern noch ein nettes Gespräch.

Ein intimes verbindendes Element

Mit Sascha und Linda teilten wir uns Waschmaschine und Trockner nach zähen, aber konstruktiven Verhandlungen.

Beim Warten auf den Trockner sprachen Vasek und ich mit Chris und Don, den beiden netten Australiern in meinem Alter, mit denen wir schon in Castro Urdiales zusammen auf einer Terasse gesessen hatten und die immer wieder für kleine Cameo-Auftritte auf unserem Weg gut waren.

Zurück in der Waschküche geriet ich passend zu diesem Raum in die Bredoille. Denn statt zweier schwarzer Kalenji-Unterhosen lagen auf ein drei an der Zahl vor mir getrocknet auf dem Trockner und glichen sich wie ein Ei dem anderen. Mir fiel der alte schlechte Bundeswehr-Witz mit dem Wechsel der Unterwäsche ein (“Müller wechselt mit Schmidt”). So suchte ich das Krisengespräch mit der Person, die mit mir die gleichen Vorlieben für das “drunter tragen” auf dem Camino teilte. Wir einigten uns darauf, mit der Ungewissheit weiter leben und eventuell für lange Zeit ein verbindendes Element auf der Haut tragen zu können.

Die attraktive junge Dame aus Aschaffenburg, deren Namen ich wegen meiner Schüchternheit und der Konzentration auf meine schmerzenden Füße tags zuvor nicht erfragte, schenkte mir im Convento ein Lächeln, als sie mir auf der Treppe über den Weg lief. Offenbar freute sie sich ehrlich, dass wir es beide geschafft hatten.

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Santillana del Mar bietet den Charme des Mittelalters, nur ohne spanische Inquisition

Genuss in einem schönen Ort

Trotz reduzierter Mobilität wollten wir noch mehr von dem Ort sehen, der von Touristen relativ stark frequentiert wird und als das Rothenburg Spaniens gefeiert wird. So schlenderten wir an alten aber sauber gepflegten Häusern entlang. Nahezu überall waren kleine Restaurants, Pensionen und Hotels, sprich das Angebot an Speise-Lokalitäten war überwältigend und erschwerte massiv unsere Entscheidungsfindung. Schließlich fanden wir ein kleines Restaurant, dessen Namen ich mir ebenfalls nicht mehr gemerkt habe, obwohl es einer Empfehlung wert wäre und speisten kantabrische Spezialitäten. Vasek hielt sich dabei an die Meeresfrüchte aus dem Atlantik und ich neigte mehr zu den fleischlichen Genüssen vom Grill.

Später im Convento holten wir uns noch je eine Flasche winterliches Craftbeer für einen lauen Spätsommer-Abend und beschlossen den Tag in gemütlichen Gesprächen.

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Geröhrt und nicht geschüttelt! Nicht nur im Winter, wenn es schneit, ein Genuss

Fazit des Tages: Schöne Momente – auch der Wiedersehensfreude – sind manchmal mit Schmerzen durchwachsen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Franz Eckl sagt:

    Der Küstenweg war ein Teil mrined mehrjährigen Camino von Penzberg nahe München aus.Ich habe alle Deine Tagestouren angeschaut und bin begeistert. Deine Berichte sind wunderbar. Flüssiger und lockerer Scheibstil, gute Informationen und schöne Bilder. Etliches kenne ich, anderes wiederum ist neu oder zumindest aus einer sndren Perspektive. Mach weiter so, ich freue mich auf die weiteren Folgen

    1. markusoberndoerfer sagt:

      Vielen Dank für das Lob! Sehr viele Folgen des Camino de la Costa wird es zunächst nicht mehr geben, da ich hier erst mal nur die halbe Strecke gelaufen bin, aber der Rest ist geplant.

Über einen Kommentar würde ich mich freuen