Camino de la Costa 12: Von Playa Arenillas nach Santoñia

  • 18. September 2018. Die Länge dieser Etappe liegt gewissermaßen im Auge des Teufels verborgen, welches wir passierten. Begegnungen mit einem Kampfhund, einem Schrankwand-Träger und dem Empfangs-Koreaner.

Wir lassen uns morgens so viel Zeit, so dass der Campingplatz nach unserem Abmarsch wieder als völlig “pilgerfrei” tituliert werden kann. Sowohl das gut gelaunte Grüppchen links von uns, als auch die Deutsche Mafia, waren schon in der Dämmerung aufgebrochen. Unsere Befürchtungen vom Vorabend, dass aus den Nachbarzelten irgendwelche Partystimmung zu uns herüberschwappen könnte, hatte sich nicht bewahrheitet. Vielmehr genossen wir eine erholsame Nacht in der von den Gewittern frisch gewaschenen Luft.

Morgenstimmung in Playa Arenillas
Morgenstimmung in Playa Arenillas

So zogen wir los und heiter weiter zunächst nach Süden am Fluss entlang nach El Pontarron del Guriezo. Es war die erste Möglichkeit über eine Brücke zu kommen und dann weiter nach Westen zu gehen. Der offizielle Jakobsweg ging weiter südlich eine lange Schleife durch den Wald, aber Vasek als bekennender Meeresfan wollte in der Nähe der Küste bleiben und hatte eine Alternativroute recherchiert. So ließen wir dann alsbald den gelben Pfeil, der auf einen Anstieg in den Wald zeigte, links liegen.

Auf der Brücke bei El Puntarron
Auf der Brücke bei El Puntarron

Hinter El Puntarron begann eine schöne Strecke mit Bewaldung. Wir genossen die Frische des Morgens und besonders Stijn war bester Laune. Für ihn war es eine Phase voller Energie. Ich wollte ihm nicht unbedingt wiedersprechen und ging weiter am Stock und auf Blasen hinterdrein. Wir nahmen uns eine Zeit, bei der jeder für sich allein ging, um den eigenen Gedanken nachzuhängen.

Nachdem wir unterwegs merkwürdigerweise auch gelbe Pfeile sahen – waren es Fakes oder führte hier früher tatsächlich mal der Weg entlang ? – konnten wir unser Frühstück in einem Open Air Café mit über einhundert Plätzen angehen. Die Bar war nur von drei Spaniern besetzt, die anscheinend schon zum Inventar gehörten. Eine ebenfalls feste Einrichtung war der Kampfhund, ein riesiges, nahezu unbewegliches Tier, das mitten in der Eingangstür lag und schwer mit dem Schlaf kämpfte. Deswegen musste es mehr oder weniger mit Café con Leche in der einen und Tortilla in der anderen Hand überstiegen werden, damit wir draußen uns einen Platz für das Frühstück in der Morgensonne suchen konnten.

Auf der West-Seite der Flussmündung
Auf der West-Seite der Flussmündung

Weiter ging es nach Oriñon und von dort zu einem harten Aufstieg zum Auge des Teufels. Am Anfang des Weges war noch ein Wegweiser in Form eines Pfeils mit einer Schnecke zu sehen. Ich missinterpretierte dies als einen leichten langsamen Weg, es sollte aber noch anders kommen.

Es handelte sich also nicht um den offiziellen Jakobsweg, hier waren die Pfeile nicht in einem sonnig fröhlichen Gelb, sondern in einem dunkel finsteren Schwarz, die unerbittlich den immer steiler und enger werdenden Weg nach oben deuteten. Dieser bot Traumpanoramen bei schmerzenden Knien und einigen Fast-Abstürzen. Weiter oben wurde klar, dass ich mit meinen Hiking-Sandalen nicht mehr weiter kommen würde und musste auf meine Boots zurück wechseln, bei denen schon klar war, dass sie nach meiner Rückkehr in den wohlverdienten Ruhestand versetzt werden würden.

Hier ein paar Impressionen über das Auge des Teufels (bitte klicken zum Vergrößern):

Auge des Teufels

Es war ein extrem warmer Tag und der Auf- und Abstieg brachte mich gehörig ins Schwitzen. Aber auch nachdem wir den Camino wieder fanden, gab es keine Wasserstellen zu sehen. Die bräunlichen Reste in den wenigen Viehtränken luden auch wahrlich nicht zum Trunke ein.

Nach einiger Zeit begegneten wir einer Touristen-Gruppe, die von einer anscheinend ortskundigen Reiseführerin auf Spanisch herumgescheucht wurde. Uns ging das Wasser aus und Laredo war noch weit, als wir der Gruppe folgten, dessen Mitglieder interessanterweise kaum Ausrüstung dabei hatten.

Als wir bei einem verlassenen Haus mit einer wirklich sehr schönen Aussicht ankamen, quoll die Gruppe gerade aus der Tür heraus und marschierte strammen Schrittes weiter den Weg nach Laredo herunter. Endlich kratzte ich meinen Rest Mut zusammen und frage einen spanischen Touristen aus der Nachhut nach Wasser. Er musste meine Frage ein wenig falsch interpretiert haben, denn ich erhielt einen ausgiebig langen Vortrag über die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten des Hauses und der darin früher wohnenden Personen. Den trockenen Mund zunehmend geöffnet lauschte ich den ausschweifenden Ausführungen, höflich nickend und Verständnis heuchelnd, während sich Vaseks Grinsen zunehmend bis zum Anschlag weitete. Plötzlich, mit einem Seitenblick, wurde dem Mann gewahr, dass sich die anderen der Gruppe schon ein Stück weit entfernt hatten. Er warf mir noch ein kurzes “Adios” entgegen und lief den anderen hinterher. So blieb ich in meiner vollen Verzweiflung und leeren Flasche zurück, ungeschützt der brennenden Hitze der Sonne und der Häme meines Reisegefährten ausgesetzt.

Blick auf Laredo
Blick auf Laredo, noch immer kein Wasser

Irgendwann sahen wir erste Zeichen zivilisierten Lebens vor uns und endlich in Laredo angekommen konnten wir in einer Bar, genauer im “Garten des süßen Lebens” eiskalten Nestea und einen Salat mit Erdbersoße genießen. Lecker! Das Essen war hier nicht billig, aber sehr exquisit und es gab einige interessante Gerichte mit süßen Früchtchen.

Vasek meldete erneut seinen Bedarf nach neuem Schuhwerk an, der in Laredo befriedigt werden sollte.

Der Strand von Laredo
Der Strand von Laredo

Allerdings wirkte die Stadt in großen Teilen wie ausgestorben. Die Uferpromenaden erinnerten irgendwie an sozialistische Fehl-Planungsmonster, die etwas aus der Zeit gefallen waren. Hier gab es genau einen, in Ziffern “1”, Wagen mit der Möglichkeit, etwas zu Trinken zu kaufen. Und auch nur deshalb, weil der Eigentümer etwas aus diesem zufällig holen wollte. So wurde ich stolzer Besitzer einer eiskalten Flasche besten Mineralwassers, die mir eine willkommene Abwechslung zum nicht wirklich leckeren, aber auch nicht schädlichen kantabrischen Kranberger-Wasser war.

Die Strandpromenade
Die Strandpromenade – alles andere als überlaufen

Nach einem sich lang hinziehenden Weg erreichen wir El Puntal, wo nach kurzer Zeit eine kleine Fähre auf den Strand auflief und uns mitnahm.

Auf der Fähre nach Santoñia
Auf der Fähre nach Santoñia

Es konnte nicht mehr weit zu einer Herberge mit Waschgelegenheit sein, denn das Wetter wurde schlechter, wir sahen das Auge des Teufels in dicken grauen Wolken verschwimmen. Glück gehabt!

Wir trafen an Bord der Fähre einen jungen netten US-Pilgerer mit einer quasi “Schrankwand” auf dem Rücken. Rucksäcke in der Größe wie seinen kannte ich nur von Youtube-Videos aus der Prepper-Szene oder von den Ruhrpott-Outdoor Jungs. Aber im Gegensatz zu den letztgenannten dürfte der Amerikaner keine Kollektion erlesener Biere dabei gehabt haben.

Angekommen in Santoñia
Angekommen in Santoñia

In Santoña suchen wir nach einem Schuhladen und der Herberge. Auf dem Marktplatz schien der uns am Vortag schon empfangen habende Koreaner auf uns zu lauern. Aber alles andere als hinterhältig zückte er einen Schlüssel und führte uns in die zweite Etage eines Hauses. Nach und wegen guter Führung des Hospetaleros wurden wir von diesem zur Körper- und Wäschereinigung entlassen.

Die Herberge war zwar wieder eng bestückt, aber alles in allem relativ gut.

Wir teilten uns den Trockner, um nicht erneut am kommenden Tag als Wäscheständer herum laufen zu müssen. Während ich mich also um die Wäschepflege kümmerte, besorgte sich Vasek unter Aufsicht von Stijn neue Sneakers in Camino-Blau. Eventuelle Koinzidenzen wurden aber von ihm geleugnet.

Nach ihrer Rückkehr in die Herberge gönnten wir uns ein oppulentes Abendessen, um den letzten Abend mit Stijn zu feiern. Als vorbeugendes Mittel gegen Trennungsschmerz verabreichten wir uns eine gute Flasche Rioja. Im Fernsehen lief ein Spiel des FC Barcelona gegen PSV Eindhoven, wir hatten aber nur wenige Blicke dafür. Stijn hatte sich halt doch entschieden, noch einige Tage in seinem Tempo zu laufen und wir fanden das auch völlig in Ordnung so.

Bei einem kurzen Treffen am Abend mit der kettenrauchenden Argentinierin konnte ich außer knappen Information über Tore von Lionel Messi wenig beisteuern. Sie war nicht sonderlich interessiert.

Fazit des Tages: Abwege an die eigenen Grenzen bieten neue Perspektiven

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Audrey sagt:

    Du hattest mir ja
    Noch empfohlen, mir das Teufelsauge zu gönnen. Ich bin nach deinem Bericht froh, das nicht gemacht zu haben. Der Weg von Liendo nach Laredo gehörte außerdem zu meinen Highlights, weil es den faszinierenden “Geier weg” gab und die verwunschene Oase des Glücks. Ich räume allerdings ein, dass der Vortag von Castro Urdiales nach Liendo die Pest war.
    Was lernen wir darau: jeder Weg hat sein Gutes

    1. Markus Oberndörfer sagt:

      Auf den Reisebericht dazu bin ich so gespannt wie das lila Funktionsshirt über dem Bauch des englischen Pilgerers, den wir am Monte Avril trafen. 😉

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