Los, Leute, looos

Bericht über eine von der EU mit dem Erasmus-Programm geförderte Fahrt mit Pfadfindern aus Belgien und Deutschland.

Ausgerechnet an einem Freitag den 13. (Juli 2018) ging es los. Von Eupen aus überschritt der Stamm 1 der Royal Rangers aus Belgien in einem Bus die Grenze bei Aachen. Dieser fuhr weiter zum Christlichen Zentrum Fels nach Mainz für den Stamm 203 und schließlich zum Jesus Zentrum nach Bad Nauheim, um die Teilnehmer des Stamms 323 und einige „Anhängsel“ vom Stamm 491 aus Oberursel einzusammeln.

Bereits auf der Busfahrt – noch bevor die Nachtruhe im Bus ausgerufen wurde – begann die Gruppe der Teilnehmer zusammenzuwachsen. Erste Pläne wurden geschmiedet, allerdings versuchten die Jungs noch, ihre seeräuberischen Absichten mit den Kanus zu verschleiern: „Kapern, das sind nur Gewürze aus der italienischen Küche.“ „Entern ist, wenn man auf der Tastatur die Enter-Taste drückt.“

Wie üblich bei einer Pfadfinder-Fahrt gab es Wegfindungs-Schwierigkeiten, hier allerdings beim Busfahrer. Während die Leiter bei der Fahrt durch die Weiten „Meck-Pomms“ in der Morgendämmerung erste gewagte Prognosen zur Ankunftszeit und Kaffee-Bestellungen an das Voraus-Team am Kummerower See übermittelten, steuerte der Bus nicht den Ausgangs- sondern den Endpunkt unserer gesamten Fahrt auf Usedom an. Als das schließlich relativ spät bemerkt wurde, gab es rund 80 Kilometer zusätzliche Strecke zu fahren, während das belgische Ranger-Power-Müsli-Frühstück wartete und der nicht minder ersehnte Kaffee noch schonend in der Kanne reifte. Aber so bekamen wir alle schon mal einen guten Eindruck davon, was uns in den nächsten Tagen an Strecke bevorstand.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Pfadfinder- und Pfadrangerstufe – also Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren – wurden in neue Teams aufgeteilt, so dass in einem Team immer alle Stämme vertreten waren. An alle wurde das später „Fusionshalstuch“ genannte Stück sichtbarer Verbundenheit für Belgien und Deutschland verteilt und von allen Teilnehmern im weiteren Verlauf
unserer Fahrt mit Stolz getragen.

Am Anfang gab es zwei Tage Workshops über Navigation und UTM-Gitter (Orientierungs-Linien auf speziellen Landkarten), Biwak-Bau, Hygiene und Blasenvorsorge, Kochen auf dem Trangia-Sturmkocher und natürlich für den richtigen Umgang mit dem Kanu. Insbesondere die Übungen für das Bergen gekenterter Boote sollten sich noch als nützlich erweisen.

Schon nach wenigen Paddelschlägen ergab sich die neue Erkenntnis, dass nicht Haie oder Orcas die gefährlichsten Tiere für Kanuten sind, nein es sind Mistkäfer im Boot! Nachdem ein Kanute von diesem brutalen Insekt in den Finger gebissen wurde, führte die allgemeine Panik an Bord zum Kentern des Kanus. Die anderen rings herum beließen es bei weitem nicht nur bei einem stillen Schmunzeln, setzten das frisch Erlernte für die Bergung aber gleich um.

Walk on Water – das Motto unserer Fahrt – bedeutete für uns von Tag zu Tag mehr, im vollen Vertrauen auf Jesus loszugehen, darauf zu achten, was sich uns unterwegs bot und um es am Abend miteinander zu teilen.

Vier Tage waren wir so nach den zwei Vorbereitungstagen unterwegs, abwechselnd Wandern und Kanu-Fahren. Also war jeder für zwei Tage Schwarzfuß- (wegen der schwarzen Wasserschuhe im Kanu) und Breitfuß-Indianer (wegen der platt getretenen Wanderschuhe).

Mit dem Ruf „Los, Leute, Looos!“ trieb man sich gegenseitig immer wieder neu an.

Abends fanden wir uns wieder zusammen, zum Baden in der Peene, zum gemeinsamen Kochen und zum Abendprogramm mit Lobpreis- und Pfadfinderliedern und einer Andacht rund um die knisternde Feuerschale.

Die zweite Nacht unterwegs auf der Peene hatten wir schwerere Regenfälle. Unter anderem bedingt durch den geringen Platz auf dem Rastplatz konnten die Biwaks nicht optimal aufgebaut werden und es gab dadurch einiges an durchnässter Ausrüstung. Wir nutzten ausschließlich Planen (Tarps) auf dieser Fahrt. Für Notfälle hatten wir zwar noch sturmfeste Zelte dabei, diese blieben aber unausgepackt im Begleitfahrzeug. Aber die feuchte Nacht war insgesamt kein Problem, sondern nur eine zu meisternde Herausforderung, aus der alle noch etwas lernen konnten. (Zum Beispiel beim nächsten Mal die Rucksäcke wasserfest zu packen …) Am kommenden Abend war alles wieder getrocknet.

Ein Mädchen aus Bad Nauheim konnte ihren 13. Geburtstag an diesem sonnigen Abend feiern. Das ganze Team ließ sie in einer Doppel-Vierecksbahn entsprechend oft hochleben (im umgekehrten Prinzip ähnlich wie bei einem Sprungtuch der Feuerwehr) und erreichte dabei zum Erstaunen der anderen Gäste auf dem Platz deutlich über 4m Wurfhöhe. Zur Belohnung wünschte sie sich einen Ritt auf einem Einhorn, der tatsächlich eingelöst wurde. Wie dieser fantastische Ausritt genau aussah, darüber schweigt sich der Autor hier allerdings aus.

Am Abend gab es noch einmal dicke Luft in der gesamten Gruppe. Es war der letzte Tag, an denen die Teams selbst für sich kochen mussten. Leider waren viele von den Trangia-Kochgeschirren aus Aluminium alles andere als sauber an das Küchenteam zurückgegeben worden. Aber so mancher sprang noch mal über seinen Schatten (oder seine Reling!) und gemeinsam wurde ordentlich geschrubbt. Ein Abend mit glänzendem Ergebnis!

Nachdem wir am nächsten Tag trotz einer Kenterung mit Total-Verlust einer Wasserflasche und einer zuvor übel misshandelten Brille (eigentlich hielt sie nur noch durch Klebestreifen und gute Wünsche zusammen) den Ort Anklam erreichten, ging es mit einem Bus weiter auf die Insel Usedom auf den Natur-Campingplatz bei Lütow. Wir hatten einen weitläufigen Platz für uns allein und konnten unsere Biwaks das letzte Mal für zwei Nächte aufschlagen und mehr oder weniger gemütlich auf den am Boden verstreuten Kiefernzapfen schlafen.

Hier auf Usedom ließen wir es uns alle noch einmal richtig gut gehen. Am vorletzten Tag gab es Schulungen im Windsurfen und Stand Up Paddling. Die Royal Rangers zwängten sich dazu in hautenge SuperheldenKostüme aus Neopren. Wer nicht mitmachen wollte, verlegte sich aufs Schnitzen mit Kiefernrinde oder einfach nur aufs Entspannen und Nachdenken. Der Tag schloss mit einem bunten Abend am Strand, bei dem unter anderem Trail-Wart und Trail-Pastor blind dargereichten Pudding aus einer Fallhöhe von einem Meter genießen konnten. Aber auch sonst gab es viel zu lachen und zu singen.

Es hätte unendlich viel schief gehen können auf unserem Trail. Noch wenige Stunden vor der Rückfahrt gab es massive Probleme mit dem Busunternehmen und einem Begleitfahrzeug. Aber wir waren ja nicht allein unterwegs und mit viel Vertrauen und Gebet fügte sich alles nicht nur zum Guten, sondern zum Besseren.

So mussten im Endergebnis die Belgier nicht mehr die komplette Schleife über Bad Nauheim und Mainz nach Eupen zurückfahren, sondern sie hatten ab Kassel einen eigenen Shuttle-Bus für den direkten Weg. Und ohne die „dicken“ Belgier im Bus kam der Rest dann auch besser die Kasseler Berge hoch.

Alles in allem war es eine großartige Erfahrung für alle Beteiligten. Es lohnt sich, Grenzen zu überwinden und mit anderen Pfadfinder-Stämmen von nah und fern auf große Fahrt zu gehen. Es bleibt der Wunsch und die Hoffnung, dass es in Zukunft viele weitere Fahrten mit Stämmen aus unterschiedlichen Ländern geben wird und dass wir dort den ein oder anderen wiedersehen werden.

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